Ruhig Blut und locker bleiben – Teil XI

Eigentlich hätte er froh sein sollen, eigentlich. Wieso er froh sein sollte? Heute war Freitag. Freitag hieß immer Berufsschultag. Da war seine Frau immer eher Zuhause und sie konnten, nachdem sie sich bei ihm abgespult hatte, gemeinsam ins Wochenende starten. Doch es war kein Freitag wie immer. Denn heute mussten sie zum Jobcenter!

Er hatte schon vor ca. 10 Jahren Kontakt mit dem Jobcenter, kurz nachdem er aus der Schule kam, da wurde Harz IV frisch eingeführt. Damals schon durfte er seinen eigenen Antrag auf ALG II nicht abholen, sondern musste seinen Vater kommen lassen. Heutezutage brauchte er eine Vollmacht seiner Frau, den Antrag für ihre Bedarfsgemeinschaft zu bekommen. Jaja, die Mühlen der Bürokratie mahlen langsam. Und beim Jobcenter sind sie scheinbar kurz nach dem Mittelalter hängen geblieben. Wäre die ganze Situation nicht so ernst, man könnte glatt drüber lachen.

Doch nach Lachen war ihm nicht zumute. Denn kaum dass sie im Bett lagen, schlief seine Frau schon den Schlaf der Seeligen. Er jedoch hatte sich die ganze Nacht hin- und hergewälzt. Sämtliche Horrorszenarien sind ihm in der letzten Nacht durch den Kopf geschossen. Und egal, wie oft er sich sagte, er müsse nun schlafen, das Hirn hatte immer noch ein weiteres Szenario parat. Nun, da er schlafen könnte, müssten sie beide aufstehen. Die Wecker werden sicherlich gleich klingeln …

… Tiefer schob sie sich die Hände in die Jackentasche und atmete tief durch. Ihr war es egal, dass es meteorologisch gesehen noch Winter war. Es war ihr zu kalt. Sie zog den Kopf tiefer zwischen die Schulter und schaute auf den Bürgersteig…

… Es war inzwischen kurz vor acht Uhr. Sie hatten ihren Termin um acht Uhr. Dass man nicht einmal 5 Minuten eher die Türe aufmachen kann, wollte in ihren Kopf nicht rein. Sie versuchte, sich zu beruhigen und sich nicht aufzuregen. Ah, um zwei Minuten nach acht Uhr ließ man sich scheinbar herab, um das pöbelnde Volk hinein zu lassen. Noch lachte man, als man das Treppenhaus verließ. Als man auf die Türe und die wartende Menge schaute, wanderten die Mundwinkel nach unten, so kam es ihr immerhin so vor…

… Sie bestand wirklich darauf, dass diese Phrase in Kaddys Zielvereinbarung drin blieb. Was auch immer es für einen Sinn macht, etwas in eine Vereinbarung zu schreiben, was sowieso nicht zielführend ist. Mal abgesehen davon, dass ihr Profil für die Zusendung von Bewerbungen von der Sachbearbeiterin gesperrt wurde. Was man heutzutage alles online machen könne, sagte die Sachbearbeiterin. Wo kämen wir denn dahin, wenn die ALG II Empfänger online ihre Formulare abgeben könnten. oO(Ja genau, man könnte ja nur die Fahrtkosten sparen, weil dieser Standort ja nicht mal eben um die Ecke lag. Ihr Mann musste auch mehrfach in den ca 10km entfernten Standort. Das kann man ja schon mal laufen -.-) Letztendlich unterschrieb Kaddy das Stück geduldige Papier, schließlich wollte am kommenden Monat die Miete bezahlt & etwas Essbares im Kühlschrank sein. Sie machte der Sachbearbeiterin auch nach der Unterschrift noch einmal deutlich, dass sie nur wenig Zeit habe, sich um die Formulare des Jobcenters zu kümmern. Nur weil sie ein Kleingewerbe im Nebenerwerb habe und dadurch den Antrag stellen müsse für die Lebensgemeinschaft, hieße das nicht, dass Ecki nichts darf. Es ist eine Vollmacht ausgestellt worden und daran habe sich auch das JC zu halten. Das verstand die Sachbearbeiterin auch vollkommen und würde gerne fordern und vor allem fördern.

Wieso hatte Ecki, kaum dass der Besuch beim Jobcenter ein paar Tage her war, schon eine Aufforderung zur Bewerbung im Onlineportal? Noch war er arbeitsunfähig geschrieben, Kaddy hatte extra eine Kopie der Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung ihrer Sachbearbeiterin in die Hand gedrückt. Dann kam da noch eine zweite Anfrage an ihre Sachbearbeiterin. Wie könne man ihr die am besten stellen, ohne da wieder hin zu müssen? Natürlich! Über die Jobbörse, hatten sie und ihr Mann doch in der Vergangenheit einiges darüber klären können, ohne persönlich dahin zu müssen, was ja auch Zeit kostete. Also den PC an, eingeloggt und losgeschrieben. Es war Sonntagabend, da würde die Sachbearbeiterin das sicher direkt am Montag durchforsten.Waren sie ja nicht die einzigen Erwerbslosen ihrer Sachbearbeiterin…

… inzwischen war es Dienstagabend und es war noch immer keine Antwort der Sachbearbeiterin eingegangen. Kaddy öffnete stündlich die Jobcenter-App auf ihrem Handy und rief die empfangenen Nachrichten ab. Sie verstand es nicht, wenn man selbst nicht innerhalb von 3 Tagen auf einen Vermittlungsvorschlag reagierte, drohte man in jedem Schreiben mit Sanktionen. Aber die Sachbearbeiter selbst reagierten gar nicht? Sicherheitshalber die Anfrage kopieren und per E-Mail an die spezielle E-Mail Adresse aus dem Anschreiben schicken, mit dem Vermerk es an die spezielle Sachbearbeiterin weiter zu leiten. Natürlich passierte Donnerstag und Freitag auch nichts. Kaddy schwebte innerlich an der Decke vor Wut, wenn sie ans Jobcenter und die leeren Phrasen dachte: Jaja, fordern und fördern. Scheinbar waren die Anfragen von den beiden keiner dieser Kategorien zu zu ordnen. Nun darf Ecki am kommenden Montag auf blauem Dunst da anrufen und ggf. sogar hinlaufen, ist ja direkt um die Ecke.

2 Gedanken zu „Ruhig Blut und locker bleiben – Teil XI

  1. Na sicher werden wir uns wehren. Nur weil wir in die Situation gerutscht sind, dass wir ALG II als Unterstützung brauchen, lassen wir uns doch nicht unsere Selbstbestimmung nehmen!

  2. Das „frische“ Jahr, fängt ja mal „gut“ an,oder?!?
    Mir hat mal jemand gesagt,viele Firmen sehen sich E-Mails gar nicht an!Aber ich, das doch „eher“ nicht glaubte!“Falsch“ geglaubt!
    Ja,“wie! sich da „trösten“?!Kann mich ganz gut in den „Aggregat“ Zustand von „Ecki“ mich hineinfühlen!Schlaflose Nacht,Nächte,usw.,usw.,
    Trotzdem weiterk(„r“)ämpfen!
    „Wer sich nicht wehrt,lebt verkehrt“!
    „Die Armen sind auf Gerechtigkeit angewiesen,die Reichen auf Ungerechtigkeit“!(Berthold Brecht).
    Viel Kraft und Ausdauer,auf den Schlingerpfaden“ des „JC“!

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