Ruhig Blut und locker bleiben – Teil I

Aber so einfach ist das nun einmal nicht. Erst recht nicht, wenn welche Fehler auch immer doppelt auf einen zurück fallen. Um meine aktuelle Situation zu erklären, darf ich etwas ausholen. Also alle mal etwas weg vom Monitor, ist eh nicht so gesund 😉

Letztes Jahr um diese Zeit arbeitete ich, wie einige andere in diesem Land auch, in einem CallCenter. Leider machte sich, so sehr ich mich auch dagegen wehrte, bei mir eine Diagnose breit. Lebensbedrohlich war sie nicht für mich, aber für meinen Beruf. Trotz Kommunikation mit dem jetzt ehem. Arbeitgeber war es unvermeidlich, dass ich aus gesundheitlichen Gründen kündigen musste. Bevor ihr mir jetzt Blumen oder Genesungskarten schickt, es ist „nur“ ein Tinitus. Doch dieser ist für den Job im Callcenter einfach nicht förderlich. Auf ärztlichen Rat, bevor weitere Diagnosen hinzu kommen, habe ich dann im April 2013 meinen Job für den Juni des gleichen Jahres gekündigt.

Der Erstkontakt mit der Agentur für Arbeit war telefonisch und freundlich. Ich gab das Austrittsdatum bekannt, man würde mir Unterlagen schicken und wir verabschiedeten uns. Da mein Mann von seinem Arbeitgeber vorher schon gekündigt wurde, kannte ich quasi von Erzählungen und vom Telefon meine zukünftige Ansprechpartnerin vor Ort in Dessau, nennen wir sie Frau A. Mein Mann hat aber parallel Arbeit in Duisburg gefunden, er berichtete, so konnten Frau A. und ich uns leider nicht sehr intensiv kennen lernen. Immerhin reichte wohl die Neugier, da man mich in Dessau bereits zum Medizinischen Dienst des Amtes schickte, um meinen Kündigungsgrund zu prüfen und eventuelle Strafen ab zu wenden, dachte ich damals. Vor dem Umzug gab ich noch meine neue Adresse an und meinen Antrag auf ALG-I ab.

Nach dem Umzug wurde ich von der Agentur für Arbeit eines Besseren belehrt,  die neue Adresse war nicht hinterlegt. Nach den ersten Worten mit einer freundlichen Dame war nicht einmal mein Antrag bearbeitet worden, aber es war ja auch noch nicht der 30. Ich hatte also auch noch keinen Anspruch auf das Geld. Also immer ruhig Blut und locker bleiben. Damals grinste ich noch, machte gute Miene zum bösen Spiel.

Keine zwei Wochen nach unserem Umzug hatte ich mein erstes Gespräch bei meiner Beraterin, nennen wir sie Frau B. Frau B. wirkte uninformiert auf mich, da sie nicht einmal wußte, warum ich gekündigt hatte, obwohl die Dame im Gespräch zur Änderung der Adresse eben auch dieses abgefragt hatte. Und nach etwas Blättern in meiner Akte fand Frau B. auch diese Information, nickte kommentarlos. Bevor irgendetwas besprochen wurde, fragte ich, wie weit der Antrag auf ALG-I in der Bearbeitung sei. Frau B. teilte mir emotionslos mit, dass der Agentur für Arbeit kein Antrag vorliegen würde. Immerhin könnte ich an der Anmeldung einen Termin bei der Leistungsabteilung machen und man würde das Ganze dann nachholen. Immerhin sei ja noch nicht der 1. und ich hätte ja noch kein Anspruch auf das Geld. Dieses Mal fiel es mir etwas schwerer, ruhig zu bleiben, aber die Anwesenheit meines Mannes half mir, die Fassung nicht zu verlieren und ggf. sogar unfreundlich zu werden. Wir setzten eine Vereinbarung mit Pflichten und Möglichkeiten auf, verabschiedeten uns und wünschten einen schönen Tag.

So schnell es meine Kisten zuließen kam ich meinen Pflichten nach und füllte bei der Jobbörse online mein Profil mit wichtigen Daten auf die Frau B. schon wartete. Denn sie erinnerte mich telefonisch daran. Ich befürchtete schon Sanktionen. Im Übrigen ein sehr beliebtes Wort bei Mitarbeitern der Agentur für Arbeit, sei es West oder Ost. Aber es passierte nichts, Frau B. bedankte sich. Als ungelernte Kraft bewarb ich mich zuerst, wie ausgemacht per Initiativbewerbung und über die Jobbörse. Doch es kamen nur Absagen oder keine Antworten zurück. Meinen Bildungsgutschein, den Frau B. mir ausstellte wollte ich, da mein ursprünglicher Plan nicht umsetzbar war, zur Umschulung als Steuerfachangestellte an einem örtlichen Bildungsträger nutzen. Dieser bildet leider erst im nächsten Jahr wieder aus und das ist zu spät, da mein Bildungsgutschein nur bis maximal November gültig sei. Dieses teilte Frau B. mir telefonisch mit, mit dem Hinweis, dass ich mich dann auf irgendetwas anderes bewerben müsse. Ich war nach dem Gespräch total enttäuscht, so leicht war es dann wohl doch nicht, Arbeit in Deutschland zu finden, wenn man mit der Agentur für Arbeit zusammen arbeiten wolle. Und das wollte und will ich noch immer, denn eine Ausbildung ohne Unterstützung können wir uns nicht leisten.

Neuen Mut schöpfte ich, als ein neuer Termin für den Medizinischen Dienst der Agentur für Arbeit ins Haus flatterte. Nervös war ich auch, gebe ich zu, denn so einen psychologischen Test habe ich noch nicht durchführen müssen. Doch dank meines Mannes und der guten Seele Juvi war der Tag nur halb so wild. Es stellte sich heraus, nach Aussage der Psychologin, dass ich intelligent sei und das Geld für die Umschulung zur Steuerfachangestellten bei mir gut investiert sei. Die Psychologin fragte mich auch, ob ich wüsste, wieso meine Beraterin Frau B. bei mir keine RehaMaßnahme durchführte. Ich zuckte ratlos mit den Schultern. Bis zu diesem Moment wusste ich nicht einmal, dass ich scheinbar Anspruch auf diese Möglichkeit hatte.

Ich nahm mir fest vor, mal das Rechtstelefon unserer Rechtsschutzversicherung in Anspruch zu nehmen. Dort teilte man mir aber mit, dass beratende Fragen zum Thema Sozialrecht nicht mit der Privatrechtsschutz abgedeckt seien. Erst wenn es zu einem Rechtsstreit im Sozialrecht komme, würde sie uns helfen. Man hilft mir also nicht, ein Gitter auf den Brunnen zu packen, aber wenn das Kind in den selbigen gefallen ist, hilft mir unsere Rechtsschutzversicherung, es heraus zu ziehen.

Ich konnte es also kaum erwarten, bis ich endlich einen Termin von Frau B bekam und sie mit meinen unbeantworteten Fragen löchern konnte. Dieser flatterte mir auch Mitte diesen Monats für heute ins Haus. Da ich das Blatt nur überflog, wollte ich schon letzte Woche Dienstag hingehen. Gut nur, dass ich einen Tag vorher noch auf den Zettel geschaut hatte, wann genau der Termin sei.

So, noch alle da? Na dann könnt ihr wieder rangerutscht kommen. Das ist bis heute also passiert. Ihr könnt euch also vorstellen, wie nervös ich war. Auch die Tatsache, dass ich beim Einsteigen in den Bus mein erstes 4erTicket verlor, konnte meiner Nervosität gepaart mit Euphorie nichts anhaben. Klar, es war mehr als schade um das Geld, aber wieso aufregen? Irgendwo hatte ich in der Vergangenheit einen großen Fehler begangen und durfte heute dafür sprichwörtlich bluten.

Doch es war keine kleine Schnittwunde, die ich da abbekam. Mir kommt es betrachtet so vor, als würde mir ein Organ fehlen und man hätte mich in einer Wanne voll Eiswasser liegen gelassen, mit offenem Bauchraum. Aber eines nach dem anderen.

Natürlich war ich pünktlich, trotz des Tickets, welches ich neu kaufen musste. Irgendwer hatte sich das sicher gekrallt und kann nun vier Mal damit quer durch Oberhausen fahren, have fun with. Aber ich schweife ab, ich sass also auf diesem unbequemem Stuhl und wartete vor dem Zimmer von Frau B. Kurz nach 12 Uhr, meinen Termin hatte ich um 12, kam dann noch fix eine Kollegin in das Büro von Frau B. Man ließ mich bis knapp 10 nach 12 da sitzen. Naja, vielleicht komme ich durch eine Panne auch mal zu spät und Frau B. hat sicher dafür Verständnis. oO(Ne is klar!) Immerhin war ich endlich im Büro, aufgeregt schnappte ich nach Luft, setzte mich und schaute Frau B erwartungsvoll an.

Doch anstelle irgendwelcher Ideen wurden ganz normale Fragen abgeklappert, ob ich denn einen Bildungsträger gefunden habe, der bis zum November mich als Steuerfachangestellte ausbilde oder ich nach etwas anderem gesucht habe. Ja, ich habe gesucht, aber das sei nicht mein Hauptziel, Bürokauffrau zu werden. Davon habe sie ja sicher genug in den Akten liegen. Nach den Akten könne man nicht gehen, schließlich würden auch Altenpflegekräfte gesucht und davon hätte sie auch eiiinige in den Akten liegen. Touché, ich war getroffen und es schmerzte. Wir einigten uns dann darauf, die Bürokauffrau auch in der Schublade zu lassen, zumal ja auch die Psychologin vom medizinischen Dienst etwas anderes gesagt habe. Frau B, fiel aus allen Wolken. Ich habe da schon einen Termin gehabt? Tatsächlich, stellte sie erneut fest, nachdem sie, diesmal in meiner digitalen, Akte blätterte und das Schreiben vom Dienst fand. Ich durfte es mir nicht durchlesen, sie scrollte schnell weiter. Auf die Idee, es mir ausdrucken zu lassen, kam ich leider gar nicht so perplex war ich auf die Aussage: „Man hat mich gar nicht informiert!“ Ich brach innerlich vor Schmerzen zusammen. Mir war klar, dass auch ich nur eine Nummer war, ein Fall von vielen. Aber musste man es einen SO merken lassen? Doch das rostige Messer hing noch nicht tief genug in meinem Bauchraum, Frau B. bohrte noch nach und salzte abschließend die Wunde.

Ich versuche nun die Situation so neutral es nur geht dazustellen:

  • Ich habe kein Recht auf eine Umschulung, da ich keine abgeschlossene Ausbildung habe. Auch meine 6 Jahre CallcenterErfahrung zähle da nicht mit rein.
  • Der Bildungsgutschein für die Ausbildung zur Steuerfachangestellte kann nicht bis Januar verlängert werden, da sie noch nicht wisse, ob soetwas überhaupt nächstes Jahr noch angeboten werde.
  • Anspruch auf eine Rehabilitationsmaßnahme habe ich auch nicht, da auch dort Grund 1 greift, keine Ausbildung. Auch hier zählt es nicht, dass ich bereits 6 Jahre Callcentererfahrung habe, die bei vielen anderen Vorgängen angerechnet werden.

Auf den Hinweis, dass dies doch alles bürokratische Krümelkacke sei, wurde der Ton kalt und die Haltung von Frau B. abweisend. Dies habe sie sich nicht ausgesucht und es sei nun einmal ein Amt, da müsse man sich schließlich an Vorgaben halten. Auch der Einwand, warum die Psychologin, die von meinen nicht abgeschlossenen Ausbildungen 2010 (!!!) weiß, mich gefragt habe, wieso bei mir keine RehaMaßnahme gemacht würde, zählte nicht.

Mir bleibt aktuell nur die Möglichkeit, mich weiter auf Helferstellen zu bewerben, Frau B. mitzuteilen, dass ich es ungelernt auf dem Arbeitsmarkt versuche und auf ihre Meldung zu warten, ob sich doch noch etwas ändern ließe. Dabei will ich doch nur eine Ausbildung/Umschulung und nicht dabei ALG-II beantragen, denn ich will vor diesem Staat nicht blankziehen. Man muss nicht erst einen nackten Arsch sehen, um zu wissen, dass da keine Haare wachsen. Man sollte der Aussage vertrauen, aber DAS macht das Amt ja nicht.

Die Gefahr, die scheinbar nur ich sehe und Frau B. nicht ist folgende: Man verlängert die Möglichkeit zur Nutzung der Bildungsgutscheine für das Jahr 2014. Der Kurs für Januar des genannten Jahres ist aber voll und ich muss bis August, dann nämlich bildet der ortsansässige Träger und Träger in anderen Städten aus, warten. August ist allerdings ein doofes Datum, da ich ab dem 1. Juli 2014 ALG-II beantragen „darf“. Und dann ist wiederum ein anderer Berater für mich zuständig. Oder spielt Frau B nur auf Zeit in der Hoffnung, dass das passiert?

Edith: Ich hätte den Beitrag gerne mit Bildern aufgelockert, aber bei diesem Thema passen einfach keine Bilder rein. Vielen Dank für bis zum Ende lesen. Das zeigt mir, ihr wollt wirklich wissen, wieso ich so angepieselt & enttäucht bin.

 

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2 Gedanken zu „Ruhig Blut und locker bleiben – Teil I

  1. Pingback: Wahrheit oder Lüge Teil 1 | Ecki's Blog

  2. Hallöchen „das Kaddy“!
    Also wirklich,ich bin & war ziemlich verstört,wie ich DEINEN Text las,auch mit genug Wut „begleitet“,auch ist kaum zu glauben,wie man mit Hilfe suchenden Menschen,bei den „Arbeitsagenturen“ umgegangen wird!
    Ist aber Ausdruck, des „neoliberalen Dauermainstreams“!Leider in „Wahlen“ ,wird hartnäckig verleugnet!Keinerlei Solidarität ,ist diesbezüglich zu erwarten,bzw.,im Egoismus der Gesellschaft, wird ertränkt!
    Auch wenn das kein „Trost“ sein kann für DICH,“Kaddy“,so ergeht es viele in dieser „Arbeitswelt“,die kaum,bzw.,keinerlei Rücksicht in „humanitärer“ Form kennt!Soziale Errungenschaften werden durch die Erpressung der Konzerne & banken,abgebaut.Der „Sozialstaat“ wird niedergerissen-anderswo mit offener Brutalität,bei uns scheibchenweise!Öffentliches Eigentum wird privatisiert.Die herrschende Politik , ist zur perfekt geölten Umverteilungsmaschine geworden,die Geld 6 Werte von unten nach oben pumpt.Immer mehr Arme,und immer mehr & noch reichere Reiche sind die Folge.
    Das, hat natürlich auch auf DEINE persönliche Situation,
    dramatisch bedenkliche Auswirkung(en)!
    Hoffe aber trotzdem,dass durch DEINEN Mut & DEINER Intelligenz,auch mit Unterstützung DEINES Mannes & „Juvi“,noch nicht alles verloren ist!
    „Die Hoffnung stirbt als letztes“!?
    „Solidarische“ Grüße,LG,“Old Sock Boy“ p

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