Nörgelomi

Grimmige Augen, Falten auf der Stirn und die Mundwinkel so weit herunter, dass sie bald auf den Knien liegen. Wir kennen alle solche Menschen. Mit einer großen Wahrscheinlichkeit saß vielleicht sogar so ein Mensch heute euch gegenüber, als ihr unterwegs gewesen seid.

Ich hatte meine Begegnung mit dieser Sorte Menschen schon vor einigen Wochen das erste Mal. Bis zum Praktikumsbeginn fuhr Nörgelomi, wie ich die griesgrämig guckende alte Dame gerne nenne, fast täglich mit mir von Oberhausen nach Essen. Wir hatten sogar mehrfach das „Vergnügen“ nebeneinander bzw. gegenüber zu sitzen. Ich war damals nicht mehr als einen abschätzenden Blick wert, als ich mich diagonal ihr gegenübersetze in die den 4er Sitzecken. Der junge Mann, der sich dreist neben sie setzte, war da schon eine genauere Studie wert. Erst recht, als er seine Kopfhörer zückte und diese für den gedachten Gebrauch auch benutzte.

Was ich bis dahin nicht wußte, war scheinbar die Tatsache, dass diese alte Dame im Gegensatz zu ihren gleichaltrigen Kollegen und Kolleginnen ein sehr gutes Gehör hatte. Der junge Mann hörte Musik, ja auch etwas lauter. Doch Nörgelomi fühlte sich dadurch so arg belästigt, dass sie ihn unsanft am Oberarm piekste und ihm in einem pampigen Ton befahl, die Musik leiser zu drehen. Ich hustete auf. Respekt vor dem Alter hin oder her, die unfreundliche Art und Weise, wie sie mit dem Mann sprach fand ich unverschämt. Zumal ich empfand, dass sie arg übertrieb. Ja, die Musik war etwas lauter, doch man hörte weder genaue Gesänge oder unangenehme Musik. Es war eben einer der vielen Nebengeräusche, die üblich sind für eine Pendlerfahrt. Mir wird sicher jeder Pendler da zustimmen.

Um so mehr fielen mir fast die Augen aus dem Kopf, als der junge Mann sich nicht nur entschuldigte, sondern auch noch die Musik leiser machte, bis man und sicher er selbst auch nichts mehr hörte. Siegessicher grinste ausnahmsweise Nörgelomi vor sich her, während ich nur innerlich mit dem Kopf schütteln konnte.

Doch meine Chance sollte kommen, denn keine zwei Meilensteine später zog sie ihre Werbung aus der Tasche und fing an, in selbiger zu blättern und das ziemlich laut. Ein kurzer strafender Blick und sie packte widerwillig die Prospekte wieder weg. Sie schaffte es in ihrer Feierlaune scheinbar nicht, leise zu blättern. Und zack! war die Laune von ihr wieder ihres Namens entsprechend.

Ja, ich weiß selber, dass das kindisch & albern war. Doch müssen wir uns von der vorletzten Generation wirklich alles sagen lassen?

Ich weiß es bis heute nicht, doch ich weiß, dass ich seit Januar Nörgeloma schon nicht mehr gesehen hatte. Gestern hatte ich dann das Vergnügen, wieder gegenüber von ihr zu sitzen. Es war alles wie immer, ihre Mundwinkel waren weit nach unten gezogen und ich musste grinsen, als ich sie so da sitzen sah. Ich freute mich schon auf eine ruhige Heimreise, als in Mülheim plötzlich sich direkt neben der alten Dame eine junge Frau setzte. Und damit nicht genug, nein! Sie lutschte auch noch einen Lolly. Und das tat sie mit Wonne und Hingabe, dass die Herren des gegenüberliegenden Sitzplatzes quasi nicht wussten, wo sie hingucken sollten. Und sie schmatze, gaaanz ganz fürchterlich laut. Die Herren weinten fast vor Erregung. Doch ehe es im Zug zu Spannungen durch die erotische Energie kommen konnte, verdrehte Nörgeloma die Augen und seufzte auf, wie die Eltern am Kaffeetisch, wenn man sich mit dem Geschwisterchen um das letzte Plunderteilchen zankte. Alle Erregung war dahin und die junge Frau stieg zwei Haltestellen weiter aus.

Dachte ich, dass die Mundwinkel nicht noch weiter runter konnten, wurde ich eines besseren belehrt: sie brummelte fast im Kreis. Ich war froh, dass wir ziemlich zügig in Oberhausen ankamen und sich unsere Wege trennten. Heute stand ich lieber, bevor ich mich wieder neben sie setzte, meine gute Laune war mir einfach zu wertvoll ;-)

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