laufen und doch nicht

Seit Tagen versuche ich meinen Rekord von 19. Oktober 2013 zu wiederholen oder gar zu verbessern. Die Musik in meinem Ohr hat extra ein paar BPM mehr bekommen, ich lege extra eine Runde in Sachen aufwärmen ein. Abends werden die Beine massiert, bevor die Zähne geputzt werden. Ich pflege meine Füsse mehr als sonst und doch höre ich beim Gang immer wieder, wie mir quasi die Zeit davonrennt.

Rennen, da hat sie mir etwas voraus, denn ich renne nicht, ich laufe schnell. Ich habe Angst um meine Gelenke, sie werden bei meinem aktuellen Gewicht von über 100 kg leiden. Jeder Sportmediziner würde sicher die Hände über den Kopf zusammenschlagen, außerdem liest man ja so viel in den unterschiedlichsten Medien. Dicke Menschen dürfen nicht rennen, schnell gehen ja, aber bitte nicht rennen. Von den ganzen Erdbebenwitzen aus meiner Kindheit ganz zu schweigen, die mir immer wieder durch den Kopf gehen, wenn ich die Hermann-Albertz-Str. hochschnaufe. „Deutsche Panzer rollen wieder!“ ist da noch einer der harmlosen Sprüche. Ich rechne jederzeit damit, dass Passanten, die mich an- oder aus(?)lachen, fiese Sprüche machen. Genau dann mache ich die Musik in meinem Kopf lauter, die die bösen Gedanken übertönen sollen.

Rennen, ich bin das letzte Mal in meiner Schulzeit gerannt und auch nur dann, wenn es sich nicht vermeiden ließ. Weiß ich überhaupt noch, wie das funktioniert? Ich glaube nicht. Fiese Sprüche meines damaligen Sportlehrers als schlechter Versuch, mich zu motivieren, rasseln mir durch den Kopf, denen ich nicht entkommen kann. Damals hätte ich ihm für jeden einzelnen Spruch vors Schienbein getreten, mit voller Wucht. Denn sie motivierten mich nicht, sie verletzten mich. Aber ich will vergessen, den Sprüchen entkommen Also muss ich schneller gehen, nicht rennen, denn das können dicke Kinder sowieso nicht.

Meine zweite Runde habe ich fast hinter mich gebracht und wieder höre ich die Stimme meiner App, die mir sagt, dass ich es nicht schaffen werde. Wieder kann ich nur laufen, dabei möchte ich rennen. All dem Ärger, die Last die mir auf den Schultern liegt, entfliehen. Oder bin ich zu faul, weil ich dick bin?

Und da, da macht es Klick, ich weiß kaum, wie es geschah. Ich renne einfach los, ich laufe nicht schnell, nein ich renne. Lag es an der Wut meiner Vergangenheit gegenüber oder der Wut der Gegenwart? Ich weiß es nicht, ich weiß nur ich renne. Hardcore Vibes von Dune tut sein Übriges dazu, das Tempo zu beschleunigen.

Ich … kann … rennen!

 

Und schon merke ich die Nachteile meiner Kleidung. Mir fällt fast das Handy aus meiner Jacke, die ich anhabe. Die Jackentaschen haben keinen Reißverschluss und die Jacke ist viel zu weit, sie ist eben noch aus meiner 120er Zeit. Es ist mir egal, dass mein Schlüssel und mein Handy vor meinem Bauch auf und abwippen, wie scheinbar zwei weitere Brüste, wie mein Bruder heute Mittag scherzhaft bei Müllers Tag & Nacht sagte. Von selbigen ganz zu schweigen. Dass ich mir kein blaues Kinn hole ist fast alles. Aber es ist mir egal, wie ich auf die Umwelt reagiere, denn

ich … kann … rennen!

 

Es sind zwar nur 250 Meter, die ich renne. Denn dann kommt die Kurve und die Straße, in der ich wohne, liegt vor mir. Ich möchte jubeln, kann aber nicht. Es fehlt mir die Luft. Ich atme tief ein und genau so schnell wieder aus. Es ist, als würde ich Feuer atmen. Und doch muss ich tief durchatmen, mein Herz beruhigen. Es schlägt scheinbar im Takt zu Hardcore Vibes. Ich kann nicht stehen bleiben, laufe langsam weiter, aber stehen bleiben ist unmöglich. Mein Körper zittert, ich möchte am liebsten weinen vor lauter Glücksgefühl. Ich reiße mich zusammen und laufe nach Hause, die Treppen in den dritten Stock sind schon lange keine große Anstrengung mehr. Mein Mann hat Recht: ich schnaufe vor unserer Haustür nicht mehr so, kann sogar noch reden.

Hektik um mir, Hektik in mir. Es war eine blöde Idee an einem Samstag kurz nach dem Ersten des Monats in ein Einkaufszentrum zu gehen. Es war eine noch blödere Idee, zu glauben, ich finde Kleidung für mich. Und wir reden hier von Sportkleidung, für die „normale“ Kleidung gibt es ja die Spezialfachgeschäfte, in denen man die nach Sackleinen aussehenden Kleidungsstücke kaufen kann. Aber da bekommt man leider keine Sportsachen. Dicke Leute machen so etwas eben scheinbar nicht, schießt es mir durch den Kopf. Die Medien und Konzerne erwarten, dass Du Dich mit Chips und Cola auf dem Sofa wälzt und deinem fetten Schicksal ergibst. Daran arbeitest, dass Du noch fetter wirst.

Aber nicht mehr mit mir, ich mache ab sofort etwas dagegen. Und schon ist eine Jacke gefunden, sie würde sogar prima zur Zombie-Köder-Jacke passen. Ich ziehe sie fast ehrfürchtig an, bekomme sie sogar zu. Sie sitzt etwas eng, aber das muss sie ja. Mit ihr könnte ich sogar noch das eine oder andere Kilo abnehmen, ohne dass die Jacke schlabbert. Doch dann saugt mein Mann hörbar die Luft ein. Ich schaue ihn an und er schaut auf meinen Bauch. „Du siehst zum schreien aus, Dein Mann fürchtet um die Jacke.“ schießt es mir durch den Kopf und ich folge seinem Blick an mir runter. Doch es ist nicht die Jacke, um die er fürchtet, es ist der Preis. Eine einfache Sportjacke, atmungsaktiv, schnell trocknend und elastisch soll in einem Geschäft um die 130 Euro kosten. Hundertdreissig Euro? Ich muss mich zusammenreißen, nicht nach hinten um zu fallen. Darf man nur als wohlhabender Mensch laufen? Und es ist leider kein unüblicher Preis für Kleidung, die mir passt.

Ja ich weiß, es gibt noch Discounter die in regelmäßigen Abständen Laufkleidung im Angebot haben. Doch auch da gilt die Regel: Dicke Menschen dürfen nicht rennen. Ich passe aktuell einfach noch nicht in die Kleidung rein und die Textikhersteller beliefern die Discounter auch gar nicht mit größeren Größen, weder bei Männern, noch bei Frauen.

Fazit der Geschichte: Ich kann rennen, theoretisch. Aber praktisch nicht, denn mir fehlt die passende Kleidung dafür. Aber ich werde morgen wieder aufstehen und schnell meine Runde laufen. Und warum? Weil ich es kann. Und ich werde es so lange machen, bis ich in die günstige Laufkleidung passe oder mir die teure Kleidung leisten kann 😛

Ein Gedanke zu „laufen und doch nicht

  1. Hallo Kaddy!

    Ich liebe diesen Beitrag. Ich habe herzhaft gelacht, geschmunzelt, Dich verstanden.
    Ich wünsche Dir weiterhin viel Spaß beim Laufen. Und immer schön die Schnürsenkel zuknoten.

    Liebe Grüße (und danke für deine Motivation zum Laufen)
    Smoky

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