Kaddy, Du bist so still

DepressionEs ist kurz nach 5 Uhr morgens. Mein Mann steht unter der Dusche und macht sich fertig für seinen Tag. Die Kaffeemaschine ist noch nicht einmal komplett durchgelaufen und doch nippe ich an der ersten Tasse. Er ist schwarz und stark, so wie ich ihn heute Morgen brauche. So wie ich ihn die letzten Tage bräuchte. Die letzten Tage, ich blicke zurück. Was war da mit mir los? Von vielen Seiten hörte ich: Kaddy Du bist so still.

Die Feststellung gesellt sich zu meinen Fragen & Gedanken, dreht eine Runde mit ihnen im Gedankenkarusell. Meine erste Antwort ist: Ich habe im Moment einfach nichts zu sagen. Doch das stimmt nicht. Ich habe so vieles, was mich beschäftigt. Schließlich hält es mich Nächte lange wach. Morgens, wenn dann sein Wecker klingelt, bin ich wie gerädert, pelle mich aber aus der Bettdecke. Er wird für 8 bis 9 Stunden aus dem Haus sein und ich möchte ihn morgens einfach sehen. Schon alleine damit ich weiß, was er anhat, wenn ihm was passiert oder er nicht nach Hause kommen sollte. Warum er nicht nach Hause kommen sollte? Weil ich wieder meinen Arsch nicht hochbekomme. Weil ich ihm mit meinem schwarzen Hund zur Last falle. Weil ich ihm einfach nicht das geben kann, was eine gesunde Frau ihm geben könnte.

Ich weiß, dass all diese Gedanken nur wegen meiner Krankheit kommen. Doch das Wissen nutze mir die Tage einfach nichts. Kaum ist er aus dem Haus, ruft die Schwerkraft und das Bett wieder nach mir. Ich schnappe mir die Katzen und lege mich hin, mache das Tablett an und schaue ein Video nach dem anderen. Oftmals habe ich schon vergessen, was ich eben gesehen habe. Wieso schaue ich jetzt plötzlich Lifehacks? Ich war doch eben noch bei Nailart Compilation 2015. Egal, ich döse wieder weg, der Blutdrucksenker hilft mir dabei, da ich mich eh nicht so bewege. Immer wieder blinzel ich, geweckt durch das Flackern vor meinen Augen von den Videos oder vom Licht, was noch auf seinem Nachtschrank brennt und ich angelassen habe. Eine Illusion schaffen, dass er doch noch Zuhause ist und ich nicht ganz alleine bin.

Es ist inzwischen weit nach 12 Uhr mittags und ich liege noch immer im Bett. Ich will nicht aufstehen, doch meine Magenschmerzen sagen mir, dass ich was essen muss. Das bisschen Frühstück ist schon 6 Stunden her und mir wird übel. Ich drehe mich noch ein oder zweimal von links nach rechts, bevor ich es schaffe, aufzustehen. Der Kühlschrank ist fast leer, dann gibt es eben Reis, Reis mit Ketchup. Das macht satt und einen schlanken Fuß. Ja, das könnte Twitter gefallen. Twitter, da war etwas. Wann habe ich da das letzte Mal etwas geschrieben oder gefavt? Ich weiß es nicht und es ist mir auch egal. Wer will schon meine Tweets lesen.

Das Türschloss verursacht dieses typische Geräusch, wenn von außen der Schlüssel reingesteckt wird und es signalisiert mir, dass mein Mann Zuhause ist. Es sind wieder 8 bis 9 Stunden um und ich habe nichts im Haushalt geschafft, sitze noch immer im Schlafi vor dem PC. Ich bin in irgendeinem Spiel versunken, in letzter Zeit immer häufiger Spiele, die man lokal ohne andere spielen kann. Da lässt man mich in Ruhe, fragt nicht nach. Doch kaum, dass ich feststelle, dass mein Gedankenkarusell die letzten Stunden ruhig war, dreht es auch schon wieder hohl. Was wird er wohl über mich denken? Bin ich noch immer die Frau, die er liebt, obwohl ich so anders bin? Da habe ich schon das Glück einen Menschen neben mich zu haben und stoße ihn weg. Ich habe ihn gar nicht verdient. Wow, heute überbietet sich das Gedankenkarusell haushoch. Die nächsten Stunden verfliegen bei mir mit Zocken und gemeinsam Abend essen. Hubby verzieht sich ins Wohnzimmer. Ist klar, neben Dir würde ICH es auch nicht lange aushalten Du Spaßbremse.

Es ist wieder soweit, er muss ins Bett. Ich lege mich freiwillig mit ihm hin. Ich habe doch tatsächlich die Illusion, dass ich, trotz der vielen Stunden Schlaf am Tage, mit ihm einschlafen kann. Flüchten ist nicht. Hast Du auch wirklich alles gemacht, was Dir möglich ist heute? Wieso hast Du zum Beispiel so lange geschlafen? Ich weiß, dass Du die Antwort kennst, trotzdem möchte ich, dass Du noch etwas darüber nachdenkst. Ist 1 oder 2 Uhr okay? Wieder legt sich der schwarze Hund zwischen uns. Und das, wo wir doch nur ein 1,40m Bett haben. Mir fällt das Lied von Prinz Pi ein, ich suche es raus. Ich schaue seine Schatten an, wünsche den schwarzen Hund zum Teufel und schlafe doch dann irgendwie unter Tränen ein, nur um dann am nächsten Morgen wieder wie gerädert aufzuwachen.

Und Du willst also wirklich wissen, warum ich so still bin?

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