Erbarmen, die Familie erscheint …

Nun wird es hart, sehr hart sogar. Nach meinem letzten Zusammenzug mit einem Partner steht ein neuer Besuch meiner Eltern in unserer neuen Wohnung an.

Klar, sie haben schon meine alte Wohnung [ Wohnung ist zu viel gesagt, es war ein Wohnklo mit Kochdusche *g*] gesehen. Aber es lastet doch ein bischen mehr Verantwortung auf den Schultern, wenn man dann mit dem Partner zusammen zieht und die Eltern sich dann doch mal anmelden für einen Besuch. Zumal es bei mir und ihnen keine kleine Entfernung ist, sondern wir hier von einer Streckenlänge in Höhe von 480.18 km und 5:28h Fahrzeit reden.

Aber selbst wenn es nur ein Besuch zum Kaffee wäre, weil sie nebenan wohnen, man bleibt das Kind seiner Eltern und versucht nach bestem Wissen und Gewissen, ihre Erwartungen zu erfüllen. Hier also das Eltern-Besuchs-Tagebuch

 

Freitag, den 9. Oktober 2009

Die Frühschicht ruft und ich habe keine Lust. Zuhause läuft alles chaotisch, aber so kenn ich es ja. Muß es nur unbedingt heute sein? Egal, ändern kann ich das JETZT sowieso nicht mehr, denn das Büro ruft. Ich bin sowieso schon hoffnungslos zu spät.

Mir fällt auf, ich sollte öfters hohe Schuhe und einen Rock anziehen, da sehen meine Waden richtig heiß aus und auch ansonsten kann ich nicht widerstehen in jeden Spiegel oder spiegelartige Oberfläche zu schauen. Und soooo schlimm sitzen meine Haare auch nicht… hey Moment mal, Kaddy, leg das Uschigehabe sofort ab!

Kaum im Büro angekommen gibt es die zwei Arten von Reaktionen, wie ich sie erwartet hatte: Die eine Fraktion zerreißt sich das Maul über mich, die anderen kramen ihre Komplimente raus. Leider können mich meine Kunden so nicht sehen, denn sonst wären sie vielleicht nicht ganz so unfreundlich. Heute sind sie sowieso besonders unfreundlich und haben eine sinnfreie Beschwerde nach der nächsten.

Eine Stunde, bis Feierabend. Meine Eltern checken gerade ein. Mein Hübscher regelt den weiteren Abend und wie soll es anders sein? Wir gehen ins „alte Dessauer“.

Endlich werde ich abgeholt. Irgendwie zitter ich mit meinen 29 Jahren, dass meine Eltern mich auch abholen von der Arbeit aber sie tun mir den Gefallen und wir treffen uns am Dessauer. Wow, denkt sich noch mein Magen, wirklich keine Pizza, sondern was richtiges, als ich ihm etwas Wildschweinbraten mit Rotkohl und Knödel zur Analyse anbiete. Nur ist dieser kaum mehr solch etwas Gutes gewohnt. Es war zwar lecker, doch meckert mein Magen am nächsten Morgen noch darüber.

Es folgt, was immer folgt, wenn ich nach längerer Zeit mit meinen Eltern an einem Tisch sitze. Hier ein Gag, da ein Witz und schon wird die unliebsame Verwandtschaft durchgehechelt. Interessant, aus wem was geworden ist und wer im Alltag des Lebens versumpft. Hier eine Trennung, dort ein neues Wiedersehen.  Aber natürlich darf der Reuter’sche Gag am Ende nicht fehlen, wenn der Kellner fragt:“Geht das zusammen“ dass wir alle gemeinsam „die Rechnung bitte!“ quer durch das Restauant brüllen. Der Blick vom Hübschen hatte etwas für sich. In SOLCHEN Momenten hätte ich gerne eine Kamera dabei. Aber die sind bei solchen Treffen streng verboten, ein ungeschriebenes Gesetz quasi, denn dann gäbe es ja Beweise.

Nach ein paar Schwarzbieren und Mund fusselig geredet geht es dann endlich nach Hause. Meine Eltern haben es da gut, das Hotel ist direkt in der Nähe. Wir dürfen noch ein paar Meter weiter laufen, für mich in den hohen Schuhen nach gefühlten 24h und vollem Bauch eine Ewigkeit. Ich habe das Gefühl, der Weg wird immer länger. Doch irgendwann kommen auch wir an. Jetzt noch kurz an den PC, meine Puschel pflegen und dann ab ins Neste.

Samstag, den 10. Oktober 2009

Theo(do)retisch kann ich ausschlafen. Nur hat DAS keiner meinem Körper gesagt. Also raus aus dem Neste und erstmal die Katzen füttern und PC anmachen. Wie erwartet kämpft mein Magen noch immer mit dem Wildschweinbraten und ich habe irgendwie keine Lust auf Frühstück. Inzwischen ist auch mein Hübscher wach und bettelt, wie die Katzen eine Stunde zuvor nach Frühstück.

Fortsetzung folgt:

Nach dem Frühstück und ein bischen tippern, was ungefähr 2h in Anspruch genommen hat, geht es dann endlich los. Treffen mit den Eltern vor’m Hotel.  Dann kam wieder der Reuter’sche Hammer, der Theorie und Praxis miteinander verband. Theoretisch war Markt, DessauCenter und dann einkaufen ins MildenseeCenter geplant. Theoretisch haben wir diese Reihenfolge auch eingehalten. Nur praktisch war das ganze sehr stressig.

Das gewählte Nerdoutfit passte natürlich gar nicht im Gegensatz zum Uschilook von gestern. Mal abgesehen vom „Widerstand ist zwecklos“-Shirt wurden die ausgelaufenen und ausgefranzten Schuhe beanstandet. An der Jeans hatte man nichts auffälliges zu mäkeln. Also erst einmal über den Markt geschlendert und rumgeguckt, hier und dort ein paar Souvenirs gekauft. Dann ab ins DessauCenter. Natürlich steuerte Frau Mama den nächsten Schuhladen an. Leider habe ich so komische Füße, dass kein Schuh wirklich passte.

Doch dafür passten andere Kleidungsstücke, meine Mutter ist dann über mein neues Piercing gestolpert, hat es aber ganz gut aufgefasst. Für sie wäre es nichts, aber jedem das Seine.  Später sollte auch mein Dad drüber „stolpern“ und ein bischen ins straucheln kommen. Ein sehr erheiternder Moment, doch dazu später mehr. Zusammenfassend hat sich mein Kleiderschrank um einige Kleiderstücke der Uschikollektionen erweitert. Mal schauen, was ich draus mache. Man kann sicherlich das eine oder andere Uschi-Item mit einem Nerd-Stück verknüpfen und wenn ich dafür die Konsole nutzen muss. *g*

Dann kam das Mildenseecenter und eine Schlüsselszene, die mich innerlich zerrissen hat vor lachen. Es kam uns bei einer Pause eine Familie entgegen, noch recht jung, bei denen der Papi ein Piratenshirt trug. Mal abgesehen von der Arbeit habe ich in noch kein Shirt live im Alltag tragend gesehen. Sofort habe ich meinen Hübschen angeschubst, wir schmunzeln und meine Mom versuchte krampfhaft herauszufinden, worum es ging. JETZT weiß ich, ich hätte besser die Klappe halten sollen. Doch ich sagte es ihr. Auch wenn ich meiner Mom diesen „Begriff“ nicht zutraue, aber ihr Gesicht sagte soetwas wie:“WTF!“ Herrlich, sehr herrlich!

Ich möchte hiermit dem Träger dieses Shirts für diesen Mut danken. Nicht nur, dass es nicht sehr einfach ist, in dieser Stadt eine klare Meinung zu beziehen unter vielen emotional minderen und von Alkohol verdummten Menschen, die kein Interesse am aktuellen politischen Geschehen haben. Auch war es ein A-Ha-Erlebnis zwischen Generationen, die unterschiedlicher nicht sein können. Vielen Dank!

Jetzt mußte nur noch der Einkauf in den Kühlschrank und die Wohnung vorgestellt werden. Aber keine Situation konnte mir mehr nach DEM Erlebnis Unbehagen bereiten. Wir saßen noch ein bischen in der Küche und quatschen über dieses und jenes.

Dann kam das Kartoffelhaus mit einem zähen Filet und leckeren Bratkartoffeln. Nur der Kartoffelschnaps machte ein bischen müde, was aber einfach weggeredet wurde. Und schwups ist es 10 Uhr geworden. Dann noch fix nach Hause. Das Comedy-Programm eines gewissen Senders hat uns dann noch bis weit nach 0 Uhr gefesselt.

Alles in allem war auch der zweite Tag ein erfolgreicher und vor allem sehr schöner Tag. Man hat einiges mitbekommen, Unterschiede, Gleichnisse und Meinungen. Ich gehe davon aus, dass aufgrund des Wetters meine Eltern gleich anrufen und mitteilen, dass sie nach dem Frühstück direkt abreisen. Oder sie kommen unangemeldet vorbei und wollen sich persönlich verabschieden. Mal sehen was passiert. Das Abenteuer Elternbesuch ist also noch lange nicht vorbei.

Fortsetzung, bzw. Ende folgt

Sonntag, den 11. Oktober 2009

Der Sonntag war, der Vollständigkeit halber, nicht mehr ganz spektakulär. Mein Vater ist auch im Schichtdienst tätig, wie meinereiner. Und direkt am Montag hatte er Frühschicht. Also sind meine Eltern nach dem Frühstück direkt ins Auto gestiegen und sofort losgefahren. Mein Hübscher und ich haben DAS natürlich sofort ausgenutzt und sind erstmal zum Fux gefahren, endlich „normale“ Leute treffen.

Ich mag meine Eltern wirklich sehr gerne, ich liebe sie sogar, aber sie sind auch ganz schön anstregend, was ihre Haltung und Meinung angeht. Aber bei wem ist das nicht. Und ich freu mich schon, wenn sie wieder zu Besuch vorbeikommen. Vielleicht hat man dann ja eine freudige Überraschung und manche Fragen müssen nicht mehr von Ihnen gestellt werden.

 

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