Diagnose F 32.0 G

Es ging wirklich nicht mehr, mein Mann hat Recht. Ich bekomme kaum mehr etwas auf die Reihe. Ständig fallen mir Ausreden ein, nicht das Haus verlassen zu müssen. Zur Arbeit, die mir bis vor einigen Wochen trotz steigenden Druck noch immer Spaß machte, wollte ich gar nicht mehr. Und dann war da auch noch das Klingeln in den Ohren. Sinnlos stopfte ich alles Essbare in mich hinein, um mich zu betäuben, nur noch das Gefühl von Fülle zu spüren, wie ich damals dachte. Also zog ich mich am nächsten Tag an und ging zu unserem Hausarzt.

Er ist ein Hausarzt, den ich für kein Geld der Welt tauschen würde. Genau deshalb habe ich auch keine Hemmungen, ihm zu erzählen, was aktuell mit mir los ist. Dass ich mich kaum aufgerafft bekomme, auch nur die nötigsten Dinge zu machen. Meine Konzentrationsfähigkeit privat und vor allem auf der Arbeit ist nach kurzer Zeit wie weggepustet. Meine Toleranzgrenze mit meinen Kunden am Telefon sinkt immer schneller und häufiger gegen Null. Sprechen mich Chef oder Mann mal etwas forscher an, kann ich es kaum unterdrücken, in Tränen aus zu brechen. Abends liege ich wach und habe Angstattacken und denke, ich sterbe. Schon während ich ihm all das erzähle kommen mir wieder die Tränen und ich höre auf, schaue in sein Gesicht. Ich weiß nicht, was ich erwartet habe, aber was er dann sagt, schockiert mich.

Erst einmal möchte ich mich für Ihr Vertrauen danken„, beginnt er. „Das was Sie haben nennt man eine Depression…“ Weiter kann ich ihm erst einmal nicht zuhören. Ich? Eine Depression? Meine Gedanken schwanken zur Zeit, als ich im Zuge meiner Altenpflegeausbildung in einer Gerontopsychiatrie gearbeitet hatte und an einige Patienten, die es morgens nicht einmal aus dem Bett schaften. Was mich damals so wütend gemacht hat innerlich, weil ich nicht verstanden habe, wie man „sich so gehen lassen kann“. Mit allen anderen Patienten, sogar den aggressivsten kam ich zurecht, hatte keine Angst hinein zu gehen. Doch mit “ den Depressiven“? Nein, da bat ich damals meinen Chef, mir diese nicht morgens zu zu teilen.  Ich muss wohl, versunken in meinen Gedanken so ängstlich geschaut haben, dass mein Hausarzt beruhigend auf mich einredete und sich durchaus zutraute, meine depressive Phase zu behandeln. Er wusste, dass ich zu dieser Zeit in einem Callcenter arbeitete und sagte, dass ich auf jeden Fall kündigen müsse. Er würde mir sogar mit dem Arbeitsamt helfen, da ich ja aus gesundheitlichen Gründen kündigen würde. Doch damals wollte ich von all dem nichts wissen. Und so verschrieb er mir mein Antidepressiva und sagte: „Bis in zwei Wochen dann, machen Sie was Ihnen gut tut und bleiben Sie Zuhause!“ Er drückte mir meine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung in die Hand und verabschiedete sich mit einem langen warmen Händedruck und den Worten:“Das bekommen wir schon wieder hin“ Es war wohl ein Man, der keine Frau weinen sehen konnte. Väterlich tätschelte er mir den Rücken beim Hinausgehen.

Den ganzen Heimweg starrte ich auf den Zettel für die Krankenkasse, Diagnose F 32.0 G. Ich? wirklich ich? Das kann nicht sein. Ich war doch immer so lustig und optimistisch drauf. Zumindest hörte ich das immer von vielen Seiten. Wieder kam mir das Bild dieser Patientin in den Kopf. Ich wollte nicht so sein wie sie, nein! Also ab nach Hause, vorher zur Apotheke und machen, was mir gut tat. Aber was tat mir denn gut?

Dieser Tag ist jetzt etwas über fünf Jahre her und doch haben meine Depression, die im Laufe der Jahre viele Namen bekommen hat, und ich uns richtig gut im Griff. Mal ich sie mehr, dann wieder sie mich. Doch bis dahin war es ein weiter Weg, von dem ich bald wieder berichten werde.

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