#ausderKlapse

Tage-, fast schon wochenlang schwebte der Termin über uns wie das Schwert über Damokles. Einige Male wurde zwar sein Abreisetermin verschoben, doch wirklich genießen konnten auch wir unsere Zeit nicht. Wir wussten, bald heißt es Abschied nehmen.Sicher, es ist für uns nicht die erste räumliche Trennung. Ist er doch vor in den Pott gegangen und ich habe unsere Zelte im Osten abgebaut. Doch da war es nicht soooo schlimm mit uns, wie aktuell. Genießen konnten wir uns schon lange nicht mehr. Je näher der Termin kam, je häufiger bekamen wir uns wegen Kleinigkeiten in die Haare. Ich hasste mich dafür, für jede Sache aus der Haut zu fahren und war der Verzweiflung nahe. Einerseits würde ihm der Aufenthalt gut tun, auf der anderen Seite wollte ich ihn nicht von mir weg lassen. Wer weiß, was und wer ihn da so ablenken würde. Ich konnte es ja zu diesem Zeitpunkt nicht mehr. Und auch ein kleines bisschen eifersüchtig war ich. Er, der Veränderungen und Reisen so mag, wie Fußpilz im Auge, durfte weg. Ich dagegen, die schon früher die Koffer immer mindestens ein paar Tage, wenn nicht sogar Wochen vorher packte, mußte Zuhause bleiben und auf die Möbel aufpassen. Wieder schimpfte ich mich ein Narr, war es doch für uns. Wäre er wieder glücklich, würde ich es auch sein. Sein Lächeln steckt eben an. Doch es war aktuell verschwunden, genau wie er auch seit Anfang August.

Bluete

Die ersten Tage waren schrecklich, ich kannte es von unserem Umzug DE – OB. Wie ein Drogenentzug weinte ich mich die ersten Abenden in den Schlaf und war gereizter als sonst. Man hätte mich problemlos mit einem Junkie verwechseln können. Danach ebbte das Gefühl wieder ab, ich packte es in eine Kiste. Die Therapeutin und ich werden das sicher später besprechen. Und auch bei ihm war es nicht anders. Alles war Schxxxe dort und er würde so gerne sofort abreisen. Doch dann, ein paar Tage später, ebbte das Gefühl auch bei ihm ab. Der Entzug war geschafft und er beantragte eine Verlängerung. Daran, dass auch er sich an die Entfernung gewöhnen würde, hatte ich nicht gedacht und war verdattert. Sie hatten ihm eine Gehirnwäsche unterzogen, schoss es mir durch den Kopf. Im Internet recherchierte ich, dass einige Patienten aus der Reha wieder kamen und ihre Partner verließen. Dass, genau wie ich auch, er sich an die Situation anpasste, ignorierte ich vollkommen. Ich machte mir Sorgen um ihn, um uns.

zug

Ich wollte, nein ich mußte ihn sehen! Auch wenn er am Telefon sagte, dass alles in Ordnung sei. Dass er nun mit all den Werkzeugen, die er von der Klinik an die Hand gelegt bekam, nun arbeiten würde. Ein bis dahin unbekanntes Gefühl wuchs in mir an: Misstrauen. Machte er mir nur etwas vor und ergab sich der Situation? War etwa sein Willen gebrochen? Oder war es tatsächlich gar nicht mehr so schlimm in der Klinik? Ein Wochenende wurde ausgesucht, an dem ich ihn besuchen konnte. Natürlich war der Koffer schon vorher gepackt und stand die ganze Woche bereit im Flur.

Endlich ging es los, von Oberhausen nach Fulda. Die letzten Kilometer würden wir von einem Mitpatienten gefahren, der mit eigenem Auto angereist ist. Die Fahrt dauerte nur 4h. Mit dem Auto hätte ich etwas unter 300km hinter mich zu bringen, wenn ich denn einen Führerschein hätte. Doch selbst dann wäre ich an diesem Wochenende doch lieber mit der Bahn gefahren.

Die Zeit kam mir wie eine Ewigkeit vor, ich tippelte von einem Fuß auf den anderen. Ich starrte jeden Fahrer genau an, der um den Wendekreis fuhr. Wer würde mir meinen Mann bringen? Dieser da? Nein! Und der? Auch nicht. Schmetterlinge stiegen in mir hoch. Es musste also doch in meinem Salat zum Mittag die eine oder andere Raupe gewesen sein, anders konnte ich mir das Gefühl nicht vorstellen. Da endlich, jemand beugte sich aus dem Beifahrerfenster und winkte wie irre herum. DAS konnte nur MEIN Mann sein und ich musste mich zusammenreißen, nicht vor lauter Nervosität um zu fallen.

Die Fahrt im Auto eines Fremden dauerte viel zu lange. Ich wollte endlich mit ihm alleine sein, hatte ich doch so viele Fragen. Und so überbrückte ich die Fahrt mit vielerlei Belanglosigkeiten. Doch etwas war anders. Mal abgesehen, dass sicher dem Unbekannten am Steuer bald die Ohren bluten würden. Doch ich war so aufgeregt, dass ich es nicht sofort merkte. Erst als wir später in meinem Zimmer standen, ich meine Sachen in den Schrank packte, er mich in den Arm nahm und mir direkt in die Augen sah, merke ich es: Er lächelte! Und dieses Lächeln war nicht aufgesetzt, es war von Grund auf ehrlich und aufmerksam. Er hörte zu, fragte nach, nahm wieder an meinem am Leben teil.

Wald

Und doch trennte uns die Nacht unerbittlich voneinander, denn zusammen schlafen ging nicht. Er war in der Klinik und ich in einer Pension untergebracht. Trotzdem war es ein schöner Anreisetag. Die Gegend ist wirklich zum brechen idyllisch und man kann dort sehr schnell abschalten. Denn da war noch das Restaurant mit der Terrasse in Richtung Freibad. Und das Essen hat da sehr lecker geschmeckt. Wann waren wir das letzte Mal zusammen essen?

Am Morgen wurde ich nicht von der Kehrmaschine, sondern vom Summen einer Wespe geweckt. Doch sie kam gar nicht gefährlich nahe, denn sie schwirrte an der Holzdecke rum, immer hin und her. Und immer wieder dieses bsssssss. Die vom Tau erfrischte Luft kam durch die offene Balkontür herein und kitzelte mich am Fuß, der aus der Decke hervorschaute. SO könnte ich öfter wach werden. Muffelig war kein Thema mehr, sondern pfeifend mit Musik aus dem Handy beeilte ich mich im Bad. Der Geruch nach Kaffee zog unter der Zimmertüre durch und brachte seinen Kollegen, den Duft nach warmen Brötchen gleich mit. Noch im Zimmer, mit dem T-Shirt kämpfend, lief mir das Wasser im Mund zusammen. Die Gerüche hielten, was sie versprachen. Das Frühstück war richtig lecker. Hatte ich einen großen Hunger, war mein Mann doch abends noch etwas bei mir geblieben und sich unsere Nähe nicht nur auf das Reden beschränkt. Der Nachbar, Hr. Orchidee grinste sehr breit, als er in den Frühstücksraum kam und grüßte.

Während ich so in mein Brötchen biss, schaute das Rosenschild schüchtern um die blaue Kaffeekanne und da war er mein Gedanke: Rose, die sich hinter der TARDIS versteckt und ihren Doktor sucht. Ja, so sind wir Whovians, sehen Zusammenhänge, die scheinbar keine sind. Das Frühstück genoss ich, machte mich danach dann aber sofort auf, meinen Dr. Who zu finden.

tardisrose

Ich fand meinen Mann im Waschraum. Die Klinik ist sehr systematisch und logisch aufgebaut, ich hätte mich fast verlaufen darin 😉 Genau wie im Wald, in den mich mein Mann dann entführte. Er macht nun Nordic Walking. Für mich ist das ja immer noch Nordic Döner. Aber ich freue mich auch, dass er endlich eine Sportart für sich entdeckt hat. Nach dem Waldspaziergang kehrten wir „Zum Sauwirt“ ein, das Gasthaus zur Pension. Da es in den Wäldern nur so von Wild wimmelt fanden sich natürlich einige Wildspeisen auf der Karte. Ich probierte Wildschweinbratwürstchen oO(Die spinnen die Hessen), mein Mann Rehgulasch. Auch am Nachmittag wanderten wir eine schöne und lange Strecke ab. Da ist es kein Wunder, dass er abnahm, ich sah es in seinem Gesicht sehr deutlich. Und auch beim Abendessen, dieses Mal in der Klinik, war er wieder aufmerksam, charmant und voller Freude. Ich überlegte eifrig, welch Quatsch mir alles einfiel, da ich ihn so gerne lachen höre. Doch auch bei den ernsten Themen blieb immer ein Schmunzeln um seine Mundwinkel. Die Grübchen kamen immer häufiger zum Vorschein und ich beschloss, gemeinsam mit ihm es nie mehr so weit kommen zu lassen, wie es vor der Reha mit uns war.

Dachte ich am Morgen, dass Mr. Orchidee nicht noch breiter grinsen konnte, wurden wir am Sonntag eines besseren belehrt. Aber es war mir egal und meinem Mann auch. Er hatte es nämlich geschafft, dass er quasi als Belastungsprobe für die Nacht von Samstag auf Sonntag nicht in der Klinik schlafen musste. Und DAS tat und tut uns in vielerlei Hinsicht gut. So schmeckte das gute Frühstück noch besser, denn wir aßen zusammen.

vielweg

Ich möchte nicht sagen, dass es wie früher war. Nein, denn es war besser. Die Vertrautheit am Sonntag war so greifbar, so beruhigend. Ich genoss es den ganzen Tag. Dadurch blieb ich recht lange. Ich hatte mir für den Sonntag extra ein Quer durchs Land Ticket organisiert, da ich sowieso noch nicht wußte, wann ich gehen wollte. Naja, wenn es nach wollen gegangen wäre, würde ich jetzt auf seinem Zimmer sitzen und auf ihn warten, während er eine Anwendung hat. Ihr könnt euch vorstellen, wie emotional der Abschied war. Die Trennung am Bahnhof war nur noch Nebensache, machten wir doch die Verabschiedung schon vorher unter uns aus.

Aktuell sitzen wir ca 300 km voneinander entfernt und dürfen in naher Zukunft erneut eine Trennung über uns ergehen lassen. Mir wird das „gleiche Schicksal“ drohen, die Deutsche Rentenversicherung lässt sich bei mir nicht auf eine ambulante Reha ein. Warum ich euch das alles schreibe? In erster Hinsicht um die Erinnerung an dieses wunderschöne romantische Wochenende für uns fest zu halten. Aber auch für Paare, wo vielleicht nur einer an Depressionen erkrankt ist. Gebt euren Partner nicht auf! Seid einfach da. Seid auch dann für ihn da, wenn ihr glaubt, er lebe aktuell in seiner eigenen Welt. Das tut er, da bin ich mir sicher. Doch nichts hilft mehr, als eine treue Seele an der Seite. Er wird Dir fragen: Wieso machst Du das? Mit der Antwort: Weil ich Dich liebe! wird er nicht klar kommen, vielleicht den Kopf schütteln, sich mehr zurück ziehen. Es ist nicht, dass er Dich nicht mehr liebt. Es ist nicht, dass er sich absichtlich entfernt. Er kann sein Glück nur nicht fassen, nicht sehen. Wenn Du nicht an eure Beziehung glaubst, wer dann? Denn DAS ist es häufig, an was wir Depressiven nicht in diesem Loch glauben können: Glück und andere schöne Dinge im Leben. Und erst recht nicht, dass wir Menschen verdient haben, die uns so lieben, wie wir sind.

Kaefer

Bist Du vielleicht sogar derjenige, der eine Partnerschaft hat und gerade von seinem inneren schwarzen Hund so erdrückt wird, dass er gar nichts wahrnehmen kann? Der Mensch neben Dir, wieso ist er noch da? Du hast das all das gar nicht verdient, glaubst Du. So viel Fürsorge, Liebe und Zuneigung? Du kannst es eh nicht spüren, zurück geben schon gar nicht. Du möchtest ihn am liebsten loslassen, weggehen, weil er ohne Dich besser dran ist! Nein! Diese Menschen neben Dir, bei Dir, sie leiden. Ja sicher leiden sie, weil sie sehen, wie es Dir geht. Merken, wie Du Dich veränderst. Doch mehr würden sie leiden, Dich nun alleine zu lassen. Du hast Deinen Glauben vielleicht an die Beziehung verloren, aber sie nicht. Sie glauben für Dich mit. Sie sind für euch beide stark. Und da ist es egal, wer der Mensch neben Dir ist. Ob es der Partner, der Kumpel, der Freund, der Erziehungsberechtigte ist.

Manchmal muss man auch einfach gar nicht depressiv sein, um an seiner Beziehung, seiner Ehe, seiner Freundschaft zu zweifeln. Manchmal ist man einfach nur ein ganz normaler* Mensch, der sich von seinen Lieben entfernt hat. Da ist es egal, ob es räumlich, körperlich oder emotional ist. Es ist nie verkehrt, aufeinander zu zu gehen. Mehr als verlieren kann man nicht. Im schönsten Fall findet man wieder zusammen. Nicht wie vorher, aber das will man ja auch gar nicht, oder?

Ein Gedanke zu „#ausderKlapse

  1. Alles sehr „treffend“ beschrieben,kann ich „mehr“ dazu auch gar nicht „erklären“!Und vielleicht, heilt wirklich „die Zeit“ alle Wunden!?Jedenfalls, wünsche ich EUCH BEIDEN das sehr!
    LG,p

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